Wind und Wetter

Ja, das Wetter. Damit könnte ich inzwischen einen eigenständigen Blog füllen. Ist aber gar nicht nötig. Denn bei einem Sport wie dem Segeln ist das Wetter – und vor allem der Wind – immer Hauptdarsteller.

Da gibt es diese Tage, an denen einfach alles stimmt. Die Sonne scheint, das Meer kräuselt sich sanft und das Boot gleitet wie auf einem Samtteppich. Der Wind verwandelt die Segel in Flügel und fordert und lockt mich: komm, noch einen halben Knoten Geschwindigkeit mehr! Du schaffst das!

Und dann gibt es die Tage, wo Wind und Wellen zu einer ordentlichen Challenge werden. Doch zum Glück sind wir inzwischen so routiniert, dass wir selbst unter widrigsten Umständen das Boot sicher und bestimmt ans – nun ja – nicht immer selbst gewählte Ziel bringen.

In dieser Beziehung redet der Wind uns auch heute noch immer wieder mal drein. Aber ich bin demütig geworden. Ich grummle, ich murmle leise Verwünschungen und passe die Segel im Minutentakt den Gegebenheiten an. Aber eines werde ich NIE wieder tun: den Wind ein Arschloch nennen.

So geschehen letztes Jahr auf der Überfahrt von Crotone nach Santa Maria di Leuca. Die Wettervorhersage hatte uns einen schönen Nord-Westwind versprochen, mit dem wir über den Golf von Taranto hätten sausen können und im Nu am Ziel gewesen wären. Und so verliessen wir Crotone gutgelaunt und bei schönstem Wetter.

Und am Anfang ging das auch alles schön nach Plan. Doch dann entschied sich der Wind, uns noch ein wenig herauszufordern. Erst zickte er ein wenig herum, beschleunigte, verlangsamte, änderte die Richtung, nur um wenig später ganz einzuschlafen.

Verächtlich spottete ich „Da hat Petrus wohl den Lehrling an den Windschalter gesetzt“, während ich das Vorsegel einrollte, ausrollte, mal nach links zog, dann wieder nach rechts und Skipper One entnervt einen fahrbaren Kurs suchte.

Dann kam der Moment, den ich noch lange bereuen würde. Ich reckte die Faust gen Himmel und schrie „Wind! Du riesen Arschloch!!“

Kaum hatte ich das gesagt, frischte der Wind zu Orkanstärke auf und verdrosch uns ordentlich die Köpfe. Das wütende Fauchen und die rasch grösser werdenden Wellen brachten uns ordentlich auf Trab. Wir mussten notfallmässig das Segel verkleinern und wenig später die Segel ganz bergen.

War der Lehrling an die Kontrollknöpfe gekommen und hatte daran herumgespielt? War der Chef zurückgekommen und hatte den Lehrling angefaucht?

Aber letzten Endes erreichten wir Santa Maria di Leuca unbeschadet, aber ziemlich durchgeschüttelt.

Ach, das Mittelmeer und seine Winde. Mit allen haben wir mehr oder weniger angenehme Bekanntschaft gemacht. Dem Mistral ging öfters mal das französische Temperament durch. Den Libecco! Ach, den haben wir dabei erwischt wie er ausgewachsene Fähren an die Wand gedrückt hat. Die Bora hat uns abgewatscht und vom Jugo wurden wir ordentlich in den Arsch getreten. Auch all die anderen Winde fanden immer wieder Möglichkeiten, uns und unsere Reisepläne bis an die Grenzen des erträglichen zu testen.

Wir sind aufmerksam und duldsam geworden. Den Wetterbericht im Stundentakt zu konsultieren gehört zur täglichen Routine. Aber wir sind auch Dankbar für jeden einzelnen Sturm den wir durchlebt haben. Das hat uns unheimlich stark gemacht.

Aber zurück zu unserer Reise. Wir hatten eigentlich bis Biograd segeln wollen, aber nach drei Stunden Dauerregen und aufkreuzen gegen Starkwind hatten wir die Schnauze voll. Ausserdem zeichnete es sich ab, dass das Wetter immer schlimmer wurde und so entschieden wir uns für Übungsabbruch. Wir konsultierten das Hafenhandbuch und entschieden uns, nach Vodice abzubiegen.

Auf dem Weg dorthin kamen wir an diesem wunderschönen Ort auf der Insel Sepurine vorbei. Leider gab es hier keine brauchbare Marina und so verschoben wir einen Besuch auf nächstes Jahr. Hinter Sepurine mussten wir rechts abbiegen und konnten uns vom Wind bis fast vor die Marina Einfahrt schieben lassen.

Wir bargen die Segel und während wir in die Marina einfuhren, verdunkelte sich der Himmel noch mehr. Ein Marinero winkte uns an einen Platz und kaum lagen wir sicher vertäut zwischen zwei dicke Pötten, begann es zu schütten und zu heulen. Wir machten alle Luken dicht, drehten die Heizung an und kuschelten uns im Salon in die Sofas und lauschten bei einem Glas Wein wie der Regen auf das Schiff herunterprasselte Das war gutes Timing gewesen!

Suchbild. Wo ist AnnaSophie?

Am nächsten Morgen schien die Sonne als ob es kein Gestern gegeben hätte. Wir konnten sogar draussen im Trockenen Frühstücken! Dann machten wir uns – ausgerüstet mit Masken – auf den Weg ins Städtchen zum Einkaufen. Auch hier waren wir wohl die einzigen Touristen. Es gab sogar einen kleinen Markt, wo wir frisches Gemüse bekamen.

Und bald waren wir wieder unterwegs. Es gab immer noch genügend Wind und Wellen, aber bei Sonnenschein machte das einiges mehr Spass als im strömenden Regen. Sogar der Skipper strahlte mit der Sonne um die Wette.

Wir kreuzten vergnügt über die riesige Kukuljari Bucht und staunten, dass wir offenbar das einzige Segelboot waren, das sich traute wirklich zu segeln. Alle andern waren unter Motor unterwegs.

Im Hintergrund konnte man schon die Hügel des Kornat Archipels sehen. Auch dieses stand zum grössten Teil unter Naturschutz. Wir hatten uns noch nicht entschieden, ob wir den Nationalpark  dort auch noch besuchen wollten. Die Entscheidung überliessen wir dem Wind.

Yay, machte doch Spass!?!

Als die Sonne schon ziemlich tief stand, mussten wir die Segel einziehen und uns durch die kleinen Inseln des Arta Vela Archipels…

…bis zu unserem Ankerplatz, der Vela Luka durchschlaufen. Die Bucht war einfach perfekt. Es war nur ein Boot in der Bucht und als wir uns an der Yacht vorbei weiter in die Bucht einfahren wollten, kam der Skipper der Yacht an Deck und rief uns im Spass zu, dass es heute aber eng werden würde in der Bucht. Worauf ich ihm antwortete, dass falls wir keinen Platz finden würden, wir uns bei ihnen ins Päckchen legen würden. Wir winkten uns noch lachend zu und warfen in genügend Abstand zur anderen Yacht unseren Anker aus und genossen noch lange die einmalige Stimmung.

Am nächsten Morgen begrüsste uns dicker Nebel und eine weichgezeichnete Sonne. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an der langsam rund um uns herum aus dem Nebel erscheinenden Umgebung. Die Nebel von Avalon konnten nicht schöner sein!

Den ganzen Tag lang hatten wir diese wie weichgezeichnete Stimmung um uns herum. Wir mussten zwar immer noch aufkreuzen, aber das störte uns nicht gross. Alles war perfekt. Keine Wellen mehr, ganz wenige Boote und genügend Wind.

Und alle paar Meter hätte ich ein Foto machen können, so schön war die Inselwelt des Kornat Archipels.

Doch als die Sonne immer tiefer stand, wurde es Zeit, sich ein Plätzchen für die Nacht zu suchen.

Wir strichen kurz vor der Dragisina Bucht auf der Insel Zut die Segel und fuhren in die Bucht ein. Da weit und breit kein anderes Boot war, warfen wir mitten in der Bucht den Anker. Irgendwann schaute auch noch der Mond vorbei…!

Am nächsten Morgen nutzten wir das schöne Wetter, um wieder einmal ein wenig die Umgebung zu erkunden. Skipper ruderte uns zu einer kleinen Siedlung, die aber offenbar unbewohnt war. Auch die kleine Konoba Zmara hatte Fenster und Türen verrammelt. Hier gab es definitiv dieses Jahr kein Bier mehr.

Ein Ärgernis waren wieder einmal die Berge von Müll, die sich in dieser paradiesischen Bucht angesammelt hatten. Zum Heulen.

Während Max zurück zu Seppi lief, kämpfte ich mich durch kratziges und scharfkantiges Gelände auf einen Hügel und bewunderte wieder einmal verliebt unser Bootchen. Danach kämpfte ich mich, stolpernd und teils auf allen Vieren zum Strand hinunter, wo ich mich mit Max verabredet hatte. Ich wollte noch Treibholz sammeln.

Max kam mich – ganz Kavalier – wie versprochen abholen. Nur das Anlegen war nicht ganz einfach, denn der „Strand“ entpuppte sich als scharfkantiger Geröllhaufen. Mit meiner Beute unter dem Arm und mit einem beherzten Sprung warf ich mich über die Steine im Richtung Seppi und landete voll im Wasser.

Was nicht weiter schlimm war, denn das Wasser war erstaunlich warm. Nur meine Beute musste ich mühsam wieder zusammenfischen und mich damit ins Dinghi kämpfen, während der Skipper sich alle Mühe gab, Seppi von den scharfen Steinen wegzuhalten.

Zurück auf dem Schiff gings ans Wäsche und Treibholz trocknen…!

Doch da die Sonne schien und es ordentlich warm war, war die Wäsche schon bald wieder trocken und Skipper One durfte – wieder von Hand aber ohne Probleme Anker lichten.

Als wir aus der Bucht herausfuhren, kam uns eine Regatta im Schneckentempo entgegen, denn heute war der Wind nicht so üppig. Aber schön aussehen tat es tun.

Wir taten es ihnen gleich und setzten Segel. Rollten Vorsegel wieder ein, motorten, Vorsegel wieder raus, Segeln im Schneckentempo. War auch ganz nett, denn es gab einiges zu sehen…!

Kormoran Party im Naturschutzgebiet. Die durften das.

Ein Blick zurück zeigte uns dass die Regatta noch nicht viel weiter war…!

Eine der unzähligen Inseln. Einfach nur schön.

Der Blick gen Osten. Im Vordergrund die Insel Pasman. Im Hintergrund das Festland mit Zadar Gebirge. Woah!

Und bald schon stand die Sonne wieder tief und wir suchten einen Platz zum Übernachten. Erst versuchten wir es auf der Insel Iz, konnten aber nichts zum Ankern finden. Wir fuhren weiter und fanden auf der Insel Dugi Otok, was wir gesucht hatten…

…die Brbinj Bucht. Hier legten wir uns an eine der zu unserem Erstaunen immer noch ausgelegten Bojen. Wir bestaunten die wunderschöne Bucht, die sich rosarot färbte im Abendlicht. Die tiefe Stille wurde nur von wenigen kleinen Fischern gestört, die sich lauthals über ihre Beute austauschten.

Wir warteten, ob sich wohl jemand zeigen würde um einzukassieren. Und tatsächlich kam ein kleines Boot auf uns zu getuckert. Ein knorriger Typ fuchtelte schon von weitem mit den Armen und wir warteten schon gespannt, wie viel wohl diese Boje kosten würde.

Doch als der Mann schon fast bei unserem Boot war, liess er eine üble Schimpftirade über uns ab. Skipper und ich sahen uns verdutzt an. Laut Handbuch war es gestattet, sich hier an die Bojen zu hängen. Was hatte der bloss? War das seine Boje? Das konnte nicht sein.

Er schimpfte, halb Kroatisch, halb Englisch, ob wir Touristen denn nie genug hätten?! Er wollte hier in Ruhe fischen, wir würden seinen Fang schmälern! Oder so was in der Art. Denn ganz schlau wurden wir nicht aus dem Gezeter. Als wir ihn nur verständnislos anblickten und ganz offensichtlich nicht bereit waren, den Platz zu räumen, tuckerte er wieder davon.

Na, das war doch mal eine interessante Begegnung gewesen. Wir wissen bis heute nicht was wir falsch gemacht haben.

Einkassieren kam niemand und bald waren auch die letzten Sportfischer verschwunden und wir hatten die Bucht für uns allein.

Nach dem Essen ging’s wieder einmal in die Lounge, wo wir die Stille und das sanfte drehen des Bootes genossen.

Am nächsten Morgen ging’s früh raus und es gab ein dickes Frühstück, denn wir wollten ein ordentliches Stück Weg machen.

Wind hatte es genügend, aber wie immer genau aus der Richtung wo wir hin wollten. Also wieder aufkreuzen und im Zickzack durch die wunderbare Inselwelt der Nördlichen Kornaten.

Gegen Abend  suchten wir wieder einen Ankerplatz…

…und wurden zuhinterst in der Bucht von Brguljski auf der Insel Molat fündig. Dort konnten wir uns gut vor der angekündigten Bora verstecken. Wir verbrachten eine sehr ruhige Nacht in dieser wunderschönen Bucht.

Am nächsten Morgen hatte es sich die Bora offenbar anders überlegt und wir mussten uns mit einem lauen Lüftchen begnügen. Was aber nicht weiter schlimm war, denn so konnten wir die praktisch unbewohnten Inseln ausgiebig bewundern.

Wir schlüpften durch die Enge zwischen den Inseln Molat und Ist hindurch…

…am schönen Leuchtfeuer von Vranac vorbei…

…in Richtung der Insel Olib, die bald einmal hinter einer Regenwand verschwand und drehten danach ein…

… Richtung Südspitze der Insel Losinj. Dort wollten wir ankern, konnten uns aber für keinen der Ankerplätze begeistern. Und während das Abendrot den Himmel befeuerte, suchten wir nach Alternativen.

Und in der Durchfahrt zwischen der Insel Ilovik und Sveti Petar fanden wir was wir suchten. Dort waren Bojen ausgelegt und kurz bevor es dunkel wurde, lagen wir gut geschützt gegenüber dem Städtchen Ilovik an einer Boje. Wieder einmal mehr als einziges Boot.

Am nächsten Morgen überlegten wir noch kurz, ob wir das Städtchen noch schnell besuchen sollten, entschieden uns aber dann weiterzuziehen.

Hier muss im Sommer ja ziemlich Halligalli sein. Das Bojenfeld schien gar nicht mehr aufzuhören. Wir setzten schon bald Segel und rauschten im Schneckentempo Richtung Losinj.

Irgendwann tauschten wir das Vorsegel gegen den Geni ein. Aber irgendwie waren wir nicht bei der Sache gewesen und der Genaker verhedderte sich beim Versuch zu wenden schon bald in den Wanten und wir brauchten mehr Zeit, das Ding wieder zu bergen, als dass wir damit hatten segeln können.

Bald schlief der Wind ganz ein und wir fuhren unter Motor an den schönsten Ankerbuchten der Insel Losinj vorbei. Schade. Aber heute wollten wir wieder einmal in eine Marina. Die Vorräte wurden langsam knapp.

Wir rundeten das kleine Inselchen Murtar mit dem wunderschönen Leuchtturm…

…und bogen in die Luka von Mali Losinj ein. Wir waren baff, als wir Mali Losinj vor uns sahen. Noch eben waren wir durch pure Wildnis getuckert und nun lag da diese grosse Stadt vor uns. Das hatten wir nicht erwartet.

Wir fuhren bis ganz zuvorderst in die Bucht und legten uns in der Stadt Marina an den Steg. Wow! Wir waren wieder in der Zivilisation!

Was wir hier wohl alles entdecken würden?

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