Die auf dem Vulkan tanzen

Am nächsten Tag waren wir schon früh auf, packten ein paar Sachen in eine Tasche und waren schon bald wieder unterwegs Richtung Rom. Aber diesmal standen nicht die Sehenswürdigkeiten Roms auf dem Programm, sondern…

…wir bestiegen in Roma Termini einen dieser schnellen Italienischen Flitzer Zügen, den Frecce Rossa nach Napoli. Und schon bald sausten wir mit über 200 Km/h durch die italienische Landschaft. In Napoli mussten wir in einen Vorortszug umsteigen, der uns nach Torre del Greco brachte.

Es begann dunkel zu werden, als wir ausstiegen und bemerkten, dass wir ja eigentlich hungrig waren. Und so machten wir uns zu Fuss auf den Weg Richtung Marina. Max Handy hatte uns verraten, dass es dort die meisten Ristoranti hatte.

Wir entschieden uns für das «La voce del Mare», bestellten eine Flasche Weisswein aus der Region und schlemmten uns fast bewusstlos an frischen Meeresfrüchten und sonstigen Köstlichkeiten.

Anschliessend fragten wir den Kellner, ob er uns ein Taxi bestellen könnte. «Taxi? I Taxi non ci sono» Aha. Hier gibt es keine Taxis. Und wie sollten wir jetzt zu unserem Hotel kommen? «Non è un problema!» meinte der Kellner «Der Cousin des Chefs bringt euch mit seinem Auto zu eurem Hotel»

Oooou…kay? Max und ich schauten uns irritiert an und dachten wahrscheinlich das Gleiche: Moment mal, wir – zwei wehrlose Touristen –  sind hier im Epizentrum der Italienischen Mafia, es ist stockdunkle Nacht und wir sollen einem Fremden ins Auto steigen?!? Niemals!

«Na gut, wann ist denn der Cousin hier?» «Viene subito!» Der kommt gleich. Es dauerte dann aber doch 20 Minuten, bis der «Cousin» mit seiner Limousine auftauchte und direkt vor dem Restaurant anhielt. Der Kellner huscherte uns in die Limousine, unter intensiver Beobachtung aller noch anwesender Gäste des Restaurants.

Erm….na wenn das mal gut geht. Da sassen wir nun, auf dem Rücksitz, mit weit aufgerissenen Augen und machten Konversation. Der Cousin war sehr nett und fragte uns, wohin wir wollten, woher wir kämen und was wir hier machen wollten. Und bis wir unbeschadet bei unserem Hotel angekommen waren, hatten wir schon fast Freundschaft geschlossen mit dem Cousin und er versprach uns, dass wenn wir wieder ein Taxi brauchen würden, dann könnten wir ihn jederzeit anrufen. Ecco: Non è un problema!

An der Rezeption des Hotels Palazzo Rosenthal wurden wir trotz fortgeschrittener Stunde freundlich empfangen. Wir bezogen unser Zimmer und konnten erst gar nicht fassen, was sich da vom Balkon aus vor unseren Augen abspielte. Wow!! Nachdem wir noch einige Zeit mit offenen Mündern gestarrt hatten, fielen wir erschöpft in die Betten.

Am nächsten Morgen mussten wir erst mal wieder das Ding mit den offenen Mündern machen beim Anblick des Golfs von Sorrento, der sich malerisch vor unserem Balkon räkelte.

Und auf der anderen Seite des Balkons…whoa!! Der Vesuv! Zum Greifen nah! Da wollten wir unbedingt hoch. Aber erst hatten wir noch was anderes vor. Wir wollten etwas besuchen, das mich schon seit meiner frühesten Kindheit fasziniert hatte. Aber um dorthin zu kommen, mussten wir erst mal…

…mit dem voll besetzten Vorortszug…

…an das Ziel meiner Kindheitsträume rattern, Pompei!

Wir schlossen uns einer der gefühlten tausend Führungen an, die Krebsrote und schwitzende Touristen durch die Ausgrabungsstätte führten. Es was wieder mal weit über 30° heiss und viele wären der Führerin wohl am liebsten unter ihren hübschen Schirm gekrochen.

Und wir wurden nicht enttäuscht! Was mich an Pompei so total faszinierte, war die Tatsache, dass diese Stadt – eben dadurch, dass sie verschüttet wurde – mit all ihren epochalen (79 N.C.) Zeitzeugen konserviert wurde. Das heisst, keine andere Religion oder Epoche hatte Zugriff auf diesen Ort und konnte demzufolge nichts verfälschen.

Und yep! Darum ist es heute möglich, durch Strassen zu wandern, auf denen vor fast 2000 Jahren die Pompei People (Pompaner? Pompener? Pompeier?) einkaufen gingen. Man kann Bordelle besuchen, die mit wunderschönen, eindeutig Zweideutigen Fresken ausstaffiert sind. Man bekommt herrliche Zweistöckige Paläste zu sehen, mit Bädern, Fontänen usw. Es gibt Stadien, einen Verwaltungsbezirk, und, und, und.

Auch Reste des fatalen Wasserversorgungssystems mittels Bleirohre sind immer noch vorhanden. Diese haben ja dafür gesorgt, dass die Lebenserwartung der Bewohner bei etwa 40 Jahren lag.Und ob die kurze Lebenserwartung, die der Anzahl Bordelle reziprok gegenüber lag etwas miteinander zu tun hatte, Entzieht sich meiner Kenntnis… 😉

Und Pompei ist ein «Work in Progress». Es wird immer noch gegraben und man kann den Archäologen hautnah über die Schulter schauen. Es wird vermutet, dass erst etwa die Hälfte der Stadt freigelegt ist und es somit gut möglich ist, dass es im Verlaufe der Zeit noch mehr Entdeckungen geben wird.

Links ein Ausschnitt eines Säulenpalastes und rechts: aus dieser Strassenküche steigt leider kein Eintopf-Duft mehr auf.

Und dann waren da natürlich die berühmten versteinerten Menschen. In Pompei selbst sind sie nur als Kopien vorhanden, aber nicht weniger eindrücklich. Auch diese Menschen hatten noch so viel zu erzählen. Ob sie Weiblich oder Männlich waren, wie alt sie geworden sind, was sie gegessen hatten, und, und, und. Die Originale gibt’s übrigens im Museo Nationale di Napoli zu sehen.

Die Leute damals hatten viel Zeit für schöne Details, aber eine eher bescheidene Farbpallette. Alles was natürlich war eben.

So waren die meisten Fresken in Ocker, Rot und schwarz gehalten. Ganz reiche konnten sich schon mal ein Blau leisten.

Was auch noch auffiel, waren die ebenfalls noch erhaltenen und schon damals reparierten Risse und Spalten in den Mauern. Dies zeugte davon, dass der Vesuv schon lange vor dem fatalen Ausbruch die Stadt öfters mal ordentlich durchgeschüttelt hatte.

Hier war früher mal ne Wiese…! Ich war jedenfalls restlos begeistert von Pompei und die Bilder und die Geschichten der Stadt geisterten mir noch lange durch den Kopf.

Ob unsere Städte auch mal von späteren Generationen oder gar Aliens ausgegraben werden…?

Wieder im Hotel angekommen, genossen wir noch einen wundervollen Abend auf der Terrasse unseres Hotels und die freie Sicht auf die Insel Capri.

Am nächsten Tag gab es zum Frühstück wieder Croissants, Capri und Cafè …

…bevor wir uns wieder mit dem Öffentlichen Verkehr (diese Anzeigen hatten wir auf dem Bahnhof entdeckt) zum Vesuv aufmachten. Und das klappte auch wie angekündigt gut. Im Nu waren wir…

…am Fusse des Vesuvs angekommen. Den letzten Kilometer mussten dann Alle (keine Ausnahmen, arme 200 Kg Amis) zu Fuss zurücklegen. Und dann konnten wir dem Biest endlich in den Rachen schauen! Und was hier völlig anders war als gestern in Pompei war das Klima. Hier Oben herrschten super angenehme Temperaturen.

Ganz schön tief das. Und die Touristen am Kraterrand ca. 600m gegenüber kann man nur mit Tele erkennen. Und was wir hier noch friedlich schlummernd erlebten, zeigt wieder vermehrt Aktivität und könnte jeden Moment wieder ausbrechen. Aber eben.

Und nein, weder läuft das Mittelmeer aus, noch bin ich besoffen. Ich habe mir nur einen kleinen Fotografischen Scherz erlaubt.

So sieht das richtig aus. Aber das mit dem besoffen sein, wäre durchaus möglich, gab es doch zuhinterst einen Kiosk, der heimisches Schaffen, sprich, Wein anbot zur Degustation. Aber wir hielten uns vornehm zurück, schliesslich war der Rückweg nicht gemacht für Schlangenlinie gehen und auch zum Tanzen gab es nicht viel Platz.

Aber dafür war die Aussicht um so atemberaubender. Richtung Süden lag der Golf von Sorrent und eben hier gegen Norden konnte man den Golf von Neapel inklusive Napoli bestaunen. Und Links gings Bergab.

Auch hier durfte die Madonna natürlich nicht fehlen, die mit einem Gebetsspruch zum Schutze aller Menschen, die auf und unter dem Vulkan unterwegs waren, ausgestellt war.

Und dann war es auch schon Zeit, diesen beeindruckenden Ort zu verlassen.

Und beim Warten auf den Bus fiel mir plötzlich auf, dass sich meine blauen Schuhe mittlerweile mit Hilfe des Staubes in Beige verwandelt hatten. Ouf…!

Zum Glück gab es im Hotel einen Pool, an dem man sich zwar nicht den Staub abspülen konnte. Das tat man lieber vorher. Aber nach so einem Tag war das herrlich erfrischend. Und wir konnten unseren Bootsfreien Ausflug noch einmal Revue passieren lassen.

Ich hatte endlich mein Pompei live erlebt und war nicht enttäuscht worden. Wir haben gelernt, dass man Pompei NIEMALS im Juli besuchen sollte und wenn man es doch macht, selber schuld ist.

Wir hatten himmlische Weine und Gerichte probiert. Wir waren als Touristen (praktisch einzige Einnahmequelle in der Region) wie rohe Eier und durchwegs freundlich behandelt worden. Und ja, es gab Taxis, die wir aber praktisch nie brauchten, da immer jemand einen Cousin oder Schwager zum Transport organisieren konnte. Wir hatten eh meist den Öffentlichen Verkehr benutzt. Wir waren überall gefahrlos zu Fuss unterwegs gewesen, auch in der Nacht. Wir hatten die wunderbarsten Schätze, aber auch die bitterste Armut der Gegend kennen gelernt.

Anschliessend genossen wir noch einmal ein Dinner mit Aussicht auf den Golf von Sorrent, bevor wir wieder müde in die Betten plumpsten. Morgen würden es wieder unsere eigenen Kojen sein. Dieser mehrtägige Landgang war es wirklich wert gewesen.

Goodbye Vesuv, byebye Sorrent, es war wunderbar, eure Bekanntschaft gemacht zu haben. Morgen würden wir zum Boot zurückkehren und die Letzte Etappe dieses Törns antreten.

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