Der Morgen danach

Um sieben Uhr wurden wir von Geheul und Geschüttel geweckt. Dieses Heulen, wie von tausend Hexen auf dem Kriegspfad, das uns gestern auf unserem Höllenritt hierher pausenlos begleitet und das um vier Uhr so unvermittelt verschwunden war. Jetzt war es wieder da und liess und erschreckt aus unseren Träumen fahren. Drei Stunden Schlaf, wer braucht schon mehr. Es war noch Dunkel, der Tag erst am Horizont erkennbar. Schlaftrunken fuhren wir in die Jacken und Schuhe. Ist das Boot sicher? Hat der Wind gedreht? Wo – äh – sind wir eigentlich?

Erst nach einigen Momenten realisierten wir, dass alles o.k. war. Nur der Wind hatte einfach wieder eingesetzt. Puh! Da war uns wahrscheinlich noch ein Rest Wachsamkeit von gestern, das unser Blut so schnell in Wallung gebracht hatte. Wir entschieden uns dann aber trotzdem, noch eine eigene Landleine auszulegen, da wir immer noch komplett an dem Ausflugsboot hingen. Gesagt – gar nicht so leicht getan. Denn die Mole konnte ich nur via Ausflugsboot erreichen. Beim übersteigen auf dieses, wurde mir plötzlich klar, dass es auch von da keinen Überstieg gab zur Mole. Wie zum Donnerwetter…?

Aha, Das Boot war mit einem weiteren Ausflugsboot verbunden und dort gab es offenbar eine Landverbindung. Also, auf’s nächste, etwas grössere Boot, jeweils die Leine hinter mir her ein- und ausfädelnd. Als ich zuvorderst auf dem Bug des Bootes war realisierte ich, dass a) der Steg ordentlich weit weg und b) ein selbstgezimmertes klappriges Unding war und nicht so aussah, als ob es einen harten Aufschlag/Übersprung überleben würde. Shit!

Und so musste ich das Boot, das sich heftig gegen meine Bemühungen wehrte, an seiner Festmacherleine Millimeter um Millimeter näher an den Steg heranziehen, bis ich ohne Sprung auf den klapprigen Steg übersteigen konnte. Ich rannte erleichtert mit der Leine im Schlepptau auf die Mole auf einen überdimensionierten Poller zu, an dem ich unser Boot dann befestigen konnte. Unter dem immer noch starken Geheul des Windes, kletterte, stieg und turnte ich wieder zurück auf unser Boot. Puh! Wenigstens eine Landverbindung. Was nun? Aufstehen? So „Carpe Diem“ und so? Nö, Die Nacht war definitiv zu kurz gewesen. Wieder ab ins Bett. Und diesmal hatte es wohl nur Sekunden gebraucht, um wieder im Land der Träume zu landen, hach!

Um halb zehn weckte uns ein gewaltiges „Wrrrummmm!“ Oh nein, was war denn jetzt los?! Ach du meine Güte! Das Ausflugsboot wollte weg! Total verschlafen hechteten wir an Deck und stellten fest, dass offenbar der Besitzer der Ausflugsboote  mit seiner Frau gekommen waren um zu schauen ob nach dem Sturm alles o.k. war. Ich warf ein einigermassen waches „Hello there!“ über die Bordwand. Dies wurde mit zwei verwirrten Blicken in meine Richtung quittiert. Aha! Kein Englisch. Auch gut. „Vous parlez francais?“ Kopfschütteln. „Deutsch?“ Kopfschütteln. „Italiano?“ „Ah! Si! Parliamo l’Italiano!“ Phew! Schwein gehabt!

Und so erklärte ich der Frau, dass wir um vier Uhr früh hier Schutz gesucht hätten und die einzige Möglichkeit, hier im Fischerhafen anzulegen, sei zwischen ihrem Boot und dem kleinen Fischkutter gewesen. Wir entschuldigten uns und versprachen, dass wenn sie ablegen wollten, dann würden wir uns einen anderen Platz suchen. Aber die Frau meinte nur, das sei schon o.k. hier. Die Saison sei vorbei, die Boote seien für den Winter eingemottet. Sie wüssten um die schlechten Bedingungen für Gastboote und sie hätten eh nur nach dem Rechten sehen wollen nach dem Sturm.

Wo ist AnnaSophie?

Nachdem der Mann längere Zeit unser Boot mit kritischen Augen taxiert hatte, entfuhr es ihm plötzlich „Ja, sagt mal, wie zum Teufel seid ihr denn in diesen Hafen überhaupt rein gekommen?!?“

Nun waren Max und ich an der Reihe, irritiert drein zu schauen. „Äh…durch die Hafeneinfahrt?“ „Ja wie viel Tiefgang hat denn euer Boot?“ fragte der Mann erstaunt. „1.8 Meter“ antwortete ich. Darauf meinte der Mann nur trocken „na dann seid mal vorsichtig, wenn ihr wieder raus fahrt“.

Wir hatten dann noch ein längeres Gespräch in dem wir unsere Geschichte erzählten und wir von dem netten Pärchen erfuhren, wo wir eigentlich gelandet waren. So erfuhren wir, dass wir hier im Triport, dem Hafen für Fischerboote gelandet waren, in den Kielboote wie unsere AnnaSophie eigentlich gar nicht rein kommen konnten, da die Einfahrt total versandet war. Dies war schon mehreren Booten zum Verhängnis geworden, einige davon seien sogar an der Hafenmole zerschellt, als sie aufliefen. Oops…

Wir erfuhren auch, dass dieser Hafen etwa sieben Kilometer ausserhalb der Stadt Vlore lag und es hier in der Umgebung keine Shops gab. Es gab einen Portier und eine Station der Küstenwache. Das war’s. Sie anerboten uns dann noch, uns mit dem Auto in die Stadt mitzunehmen. Doch wir waren immer noch so müde, dass wir uns lieber noch mal auf’s Ohr hauen würden als auf Shoppingtour zu gehen.

Und offenbar war unser Aussehen so zerfleddert, dass der Mann Max noch drei Flaschen Albanisches Bier schenkte. Rrrrraaaachchh, wieso gab es keinen Albanischen Cider?!? Unfair, das.

Da aber die Sonne schien, konnte ich noch die nassen Sachen an die Reling hängen und entdeckte dabei, warum die Ankermanöver von letzter Nacht nicht geklappt hatten: unser Anker hatte sich ordentlich Müll aufgeladen und hatte demzufolge gar nicht halten können! Und wir hatten das in der Dunkelheit natürlich nicht gesehen.

Bevor wir uns dann aufmachten, in die Stadt zu fahren befreiten wir den armen Kerl in deinem waghalsigen Kletter-Manöver von seiner Verstopfung.

Anschliessend stolperten wir der Mole entlang bis zum Portier-Häuschen. Oder besser gesagt, zum alten Container, wo der Portier sein Dasein fristete. Wir mussten aber feststellen, dass der Portier ausser Albanisch gar keine andere Sprache verstand und uns nur komplett verwirrt anstarrte. Der Ausdruck in seinem Gesicht war unbezahlbar, so etwa im Stil: wie kommen denn die zwei Marsmenschen hierher? Per UFO? Wir verabschiedeten uns mit unserem schönsten Marsmenschen-Lächeln und zogen weiter.

Ziemlich genau auf der anderen Seite von AnnaSophie’s „Liegeplatz“ waren zwei Männer mit undefinierbaren Arbeiten an einem grossen Ausflugsboot beschäftigt. Und einer davon sprach sogar Italienisch, was für ein Glück!

Wir fragten höflich, ob er uns eventuell die Telefonnummer eines Taxidienstes geben könnte, wir würden gerne in die Stadt fahren. Und auch hier mussten wir das wortlose Staunen über unsere Anwesenheit mit Erklärungen überbrücken. Dann riet uns der Mann aber wortreich davon ab, ein Taxi zu rufen, denn da hatte es ordentliche Halsabschneider darunter, die uns wohl erst mal um die ganze Stadt herumkutschieren würden, um den Preis heraufzutreiben. Gerade neulich sei ihm selber in einer anderen Stadt so etwas passiert. Aber wie es der Zufall so wolle, sei ein Freund von ihm Taxichauffeur hier in Vlore. Den könne er uns wärmstens empfehlen.

Mit einem kurzen Blickaustausch und einem amüsierten Schmunzeln zeigten wir uns bereit, auf seinen Freund zu warten. Etwa zehn Minuten später stand dann der Freund mit seinem Taxi vor uns und wir stiegen ein. Wir verabredeten mit Handzeichen noch mit ihm, dass er uns auch noch zurück zum Hafen chauffieren würde wenn wir alles erledigt haben in der Stadt. Wir müssten nur seinen Italienisch sprechenden Freund anrufen und dieser würde ihm dann übermitteln, wo wir uns befänden. Dann kutschierte er uns ohne Umstände schnurstracks ins Zentrum der Stadt. Er lud uns wie abgemacht vor einem Telefonanbieter aus, wo wir eine SIM Karte für Albanien erstehen konnten.

Die Hauptstrasse von Vlore sah gar nicht mal so anders aus als die berühmte „Bahnhofstrasse“ von Zürich. Mit der Ausnahme, dass man sich hier die Waren auch als Normalo noch leisten konnte.

Wir setzten uns in eines der vielen Cafés und Max bestellte ein albanisches Bier, während ich mir ein Glas Wein gönnte. Ich verstehe es zwar bis heute nicht, aber offenbar stachen wir aus der Masse heraus wie zwei bunte Hunde. Denn überall wo wir waren, wurden wir staunend beäugt und behandelt wie Könige.

Nach dem Apéro schlenderten wir über den Boulevard Ismail Quemali, bis wir in einem Seitensträsschen ein kleines Restaurant mit einem Weissen Dächlein entdeckten, wo man noch draussen sitzen konnte. Dort assen wir vorzüglich und gönnten uns zum Italienischen Essen eine Flasche Albanischen Wein.

Nach dem Essen fanden wir einen grösseren Supermarkt, wo wir für die nächsten Tage einkaufen konnten. Und dann waren wir froh, dass uns unser Taxichauffeur direkt vom Supermarkt abholte, denn es hatte inzwischen angefangen zu schütten.

Und bis wir den Hafen Triport erreicht hatten, hatte es auch schon wieder aufgehört zu regnen. Und so konnten wir unsere Einkäufe trocken auf’s Schiff transportieren. Wir studierten noch die Wettervorhersage und stellten fest, dass es Morgen auch noch so heftig Regen sollte. Wir entschieden uns, noch einen weiteren Tag hier zu verbringen. Wir hatten uns immer noch nicht ganz erholt von den Strapazen unserer Sturmfahrt. Müde fielen wir in die Kojen.

Der nächste Tag war wider Erwartens Sonnig aber windig. Und man konnte hinter der Mole sehen, dass die Wellen immer noch sehr hoch waren. Wir waren froh, dass wir uns zum Bleiben entschieden hatten.

Skipper One machte sich daran, von Hand die Sprayhood zu flicken. Der starke Rückenwind hatte uns die Halterung für das Gestänge der Sprayhood fast ganz weggerissen. Und kurz vor dem Abend hatte er es dann geschafft und die Sprayhood sah fast wie neu aus.

Und ich konnte Bloggen und arbeiten, denn die Albanische SIM-Karte war schnell genug. Nur für das Übermitteln der Daten an meinen Kunden machte sie nicht mit. Da musste Skipper One’s Handy als Hotspot herhalten.

Aber alles in allem verbrachten wir einen entspannten Tag im Triport.

Am nächsten Morgen kamen die netten Leute von unserem „Gastboot“ vorbei, und wir erzählten ihnen, dass wir ihr Boot so gegen Mittag wieder von der ungewohnten Last befreien würden. Sie legten uns dann noch einmal wärmstens ans Herz, dass wir ja vorsichtig sein sollten beim Ausfahren und wir sollten uns so nah wie möglich an der Mole entlang schlängeln.

Und dann erzählten uns Valentina und Jasin noch ein wenig über das Leben in Albanien. Und dass sie 15 Jahre lang in Bozen, Italien gelebt und gearbeitet hätten. Bozen?!? Was für ein Zufall! Denn mein Vater stammt aus Meran, das ja ganz in der Nähe von Bozen liegt! Das lieferte natürlich ordentlich Gesprächsstoff!

Sie erzählten uns aber auch von der Sehnsucht nach dem Meer, die sie zurück in ihr Heimatland gebracht hatte und sie sich hier in Vlore eine Existenz aufgebaut hätten, indem sie zwei abgetakelte Boote erstanden haben, diese mit der Kraft ihrer eigenen Hände restauriert hätten und damit nun den Touristen die schönsten Orte Rund um die Bucht von Vlore zeigen würden. Ach, so schade dass die Saison schon vorbei ist, sonst hätten Max und ich sofort Tickets erstanden für die nächste Rundfahrt. Aber was nicht ist, dann durchaus noch werden. Denn nächstes Jahr ist es möglich, dass wir wieder hier vorbei kommen und dann machen wir die Fahrt sicher mit!

Wir verabschiedeten uns, tauschten Visitenkarten aus und versprachen, in Kontakt zu bleiben. Dann verliessen die beiden den Hafen und wir bereiteten uns auf die Weiterfahrt vor. Es war herrliches Wetter und ausnahmsweise blies der Wind einmal nur leicht. Besser konnte es gar nicht sein.

Und bald legten wir ab und fuhren Millimeter genau der Linie nach, die uns sicher in den Hafen hinein gebracht hatte. Die Tiefenanzeige war auch diesmal bedrohlich niedrig. Und es ging nicht lange, da ging ein sanfter Ruck durch das Boot und wir sassen fest. Mitten. In. Der. Hafeneinfahrt. Interessiert beobachtet von einer Handvoll Hobbyfischer auf der Mole.

Ja aber hallo, wie war das denn möglich?!? Aber schnell dämmerte es uns, dass bei unserer nächtlichen Einfahrt eventuell Hochwasser gewesen war und der Wind zusätzlich Wasser in den Hafen gepresst hatte und wir nur mit viel Glück in den Hafen gekommen waren! Bei der Vorstellung, was alles hätte passieren können, lief es mir kalt über den Rücken.

Rund um uns herum wurden uns Ratschläge zugerufen, natürlich alle auf Albanisch. Nix verstanden. Mit viel Rückwärts-, Vorwärts- und wieder Rückwärtsschub humpelten wir das Boot wieder frei und standen schon bald wieder da wo wir die letzten drei Tage verbracht hatten: am Ausflugsboot. Wie zwei begossene Pudel sassen wir im Cockpit und hielten Kriegsrat.

Als erstes entschieden wir, dass wir warten würden bis die Flut die Höchstgrenze erreicht hatte. Das hiess drei Stunden warten. Dass hiess, dass wir an unserem nächsten Ziel, der Stadt Durres erst in der Nacht ankommen würden. Zähneknirschend gaben wir uns geschlagen und beobachteten von diesem Monet an den Tiefenmesser mit Argusaugen. 30 cm mehr und wir würden es noch einmal wagen.

Dann sah ich wie ein alter Fischer, der zum Zeitpunkt unseres Auflaufens weiter hinten seine Netze eingesammelt hatte, mit seinem Kutterchen auf uns zuhielt. Als er bei uns am Schiff war, begann er uns detailliert zu erklären, wie wir aus der Hafeneinfahrt heraus kommen konnten. Auf Albanisch. Nix verstehen.

Ich kletterte schnell ins Innere unseres Bootes, packte Papier und Filzstift und  ich und der Fischer führten dann ein längeres Gespräch über optimale Fahrdistanzen zu Hafenmolen und Fahrwassertiefen via Skizzenblock. Am Schluss war klar was er meinte und ich bedankte mich herzlich bei dem Mann. Aber er winkte nur scheu ab, warf sein Boot herum und verschwand in den Tiefen des Hafens.

Irgendwann zeigte das Sonar dann die dreissig Zentimeter mehr an und wir legten wieder ab. Beim zweiten Versuch klappte es natürlich NICHT auf Anhieb. Wir hatten uns der Mole entlang aus dem Hafen geschlängelt, aber wieder schrammten wir mit dem Kiel am Grund. Aber diesmal blieb der Skipper hart und würgte uns energisch durch die verzwackte Situation. Und nach etwa fünfzehn Minuten Blut und Wasser schwitzen waren wir frei.

Und als wir beim Ausfahren beobachten konnten, wie sich ein einfahrendes Fischerboot noch näher entlang der Hafenmole in die Einfahrt schlängelte, wussten wir definitiv, dass wir bei diesem Manöver mehr Glück als Verstand gehabt hatten.

Wir setzten Segel, mussten aber bald feststellen, dass es mehr Wellen als Wind hatte und wir kreuzten unter Motor gegen die Wellen an. Das war definitiv nicht unser Tag heute.

Dafür entschädigte uns der Anblick der Küste nördlich von Vlore und das herrlich türkisfarbene Wasser voll und ganz für den dicken Kratzer in unserem Ego.

Erstaunlich war, wie sehr sich die Topografie hier von den gewaltigen Bergen entlang der Küste weiter südlich unterschied.

Und irgendwann bemerkten wir, dass fast auf die Minute genau auf der einen Seite der Mond aufging…

…während auf der anderen Seite die Sonne unterging! Das hatten wir so noch nie erlebt! Und wieder einmal mehr mussten wir zugeben, dass es auch nach all den unzähligen Sonnenuntergängen immer noch ein bezaubernder Anblick war.

Der Wind war ganz eingeschlafen und wir bargen das letzte Segel und fuhren in die Nacht. Ausser ein paar Fischerbooten gab es nicht viel Schiffsverkehr. Kurz vor Durres wurde es nochmal knifflig, weil die Einfahrt Richtung Hafen von sehr widersprüchlich signalisiert war. Da wo Seezeichen hätten sein sollen, gab es nichts und es gab Seezeichen, da wo es eigentlich keine geben sollten.

Aber wir meisterten das Verwirrspiel und erreichten die Bucht vor der Stadt ohne weitere Probleme. Es war schon ein Uhr Nachts, als wir den Anker in der Baia Durres warfen.

Am nächsten Morgen entschieden wir uns, erst das Ausklarieren zu erledigen und dann erst zu Frühstücken. Dazu rief Max unseren Agenten in Durres an und dieser erklärte uns, dass  er uns an der Mole bei den drei Schlepperkähnen treffen würde. Alles klar. Nullo Problemo.

Ich ging zur Ankerwinsch und bereitete das Anker lichten vor. Aber die Ankerwinsch machte keinen Wank. „Du Max! Ich krieg den Anker nicht hoch!“ Wir probierten alle Varianten durch, re-booteten das ganze System, checkten Sicherungen, aber da war nix zu machen. Und wir sollten gleich im Hafen sein! Schlussendlich holte Max den Anker von Hand auf, während ich nach seinen Anweisungen das Boot steuerte. Irgendwann war der Anker im Kasten und wir legten Kurs an Richtung Hafen.

Hier gab es nur einen Industriehafen. Für Sportboote gab es nichts. Und wenn man als Sportboot in so einem Industriehafen anlegt, dann sieht das so aus:

Schick, nicht? Hierher hatte uns der Agent gelotst, nachdem er wild winkend auf der Mole auf sich aufmerksam gemacht hatte. Und während der Agent mit unseren Pässen und unseren Papieren irgendwo verschwand, bewachte Skipper One das Boot und ich ging auf Fotopirsch.

Irgendwann kam ein Mann zu unserem Schiff und fragte, ob wir wirklich aus der Schweiz seien! Wir bejahten und sofort begrüsste uns der Mann in Schweizerdeutsch. Oha?!? Dann stellte er sich vor und erzählte, dass er mehr als zehn Jahre in der Schweiz gearbeitet hätte, aber wieder nach Albanien zurückgekehrt sei, um eine Familie zu gründen. Er habe in der Schweiz gleich mehrere Ausbildungen gemacht, vom Gabelstaplerfahrer und Baukranführer bis zum Schwerlastkranführer könne er alles bedienen.

Kranführer. Ha! Wie interessant. Ja ob er denn das Ding gleich beim Boot auch bedienen könne? Na klar, das sei sogar so was wie sein Lieblingskran, über sechzig Jahre alt und immer noch Millimeter genau! Hm! „Kann man auf das Ding mal hochklettern?“ fragte ich Tom. So hiess der Mann.

„Ähm…eigentlich nicht, das ist zu gefährlich“ aber er werde mal schauen. Dann fragten wir ihn, ob es in der Nähe des Hafens ein Lebensmittelgeschäft gäbe. Ja, was wir denn bräuchten? Dies und das halt.

Und dann erklärte er sich doch tatsächlich bereit, mich mit dem Auto schnell in die Stadt zu fahren zum Einkaufen. Ich war sprachlos. Herzlich gerne nahm ich das Angebot an und so fuhr ich mit Tom ein kurzes Stück in die Stadt und er zeigte mit, wo es einen Supermarkt gab. Dort kaufte ich das Notwendige und als wir an dem schmucken Gemüseladen vorbei kamen, konnte ich noch Früchte kaufen.

Bei unserem kurzen Gang vom Supermarkt zum Gemüseladen und dann zurück zum Auto waren mit die extrem unebenen Gehsteige aufgefallen. Tom erklärte mir, dass die Schäden von verschiedenen Erdbeben waren, wovon das letzte im vergangenen November massive Schäden angerichtet hatte. Ouf…!

Zurück im Hafen, machte er sich daran herauszufinden, ob die Luft rein war für meinen luftigen Ausflug auf den Hafenkran. Und kurze Zeit später machte ich mich daran, das rostige Ungetüm zu erklimmen.

WOW! Ich machte schnell ein Alibifoto von unserer Mastspitze. Falls jemand fragen sollte, was ich denn da Oben verloren hätte, dann könnte ich ja sagen, dass ich UNBEDINGT unsere Antennen hatte überprüfen müssen.

Und voilà, Durres im Hintergrund, AnnaSophie’s tadellos funktionierende Massspitze im Vordergrund.

Und auch unser Bootchen hatte ich aus dieser Perspektive schon lange nicht mehr gesehen.

Immer wieder ermahnte mich Tom, auch ja vorsichtig zu sein! Aber ich konnte ihn beruhigen, denn schliesslich sei ich aus der Schweiz und da sei man sich das herumklettern gewohnt.

Er zeigte mir seinen luftigen Arbeitsplatz…und führte mir stolz die immer noch tadellos funktionierenden Motoren vor. Cool, das!

Ausserhalb des Krans sprach ich ihn auf die Ruine eines Gebäudes an. Er erklärte mir, das dieses Gebäude beim Erdbeben vom letzten November eingestürzt sei. Ich war entsetzt! Ich fragte ihn, ob es etwa Tote oder Verletzte gegeben habe. Da erzählte er, das glücklicherweise niemand zu Schaden gekommen sei, aber nur Dank eines glücklichen Zufalls.

In dieser Nacht hätte eigentlich ein grosser Frachter gelöscht werden sollen. Dieser hatte es aber wegen eines Motorenschadens nicht rechtzeitig in den Hafen geschafft. Und deshalb habe man die zuständige Mannschaft nach Hause geschickt und so sein niemand in dem Gebäude gewesen.

Was für eine Story!

Wir kletterten wieder vom Kran herunter und er gestand mir dann, dass ich die erste Person gewesen sei, die ihn um einen Besuch auf dem Hafenkran gebeten habe…! Ich bedankte mich herzlich bei Tom und ich hoffe von Herzen, dass er meinetwegen keine Schwierigkeiten bekommen hat.

Und irgendwann kam der Agent mit unseren Papieren zurück und wir verabschiedeten uns von den Beiden. Und bald darauf legten wir ab, aber nicht ohne vorher um Erlaubnis anzufragen bei der Port Control. Diese wünschte uns doch tatsächlich noch eine gute Reise mit den Worten „Ah! Annasophie! Have a safe trip!“

Noch ein letzter Blich auf das geschäftige Durres und weg waren wir!

Wind war wieder mal keiner und so machten wir uns frustriert unter Motor auf zu unserem nächsten Ziel.

Aber Frust lässt sich gut wegspülen, und am besten geht das mit Prosecco. Yep, der Prosecco, den wir auf unserem Weg in den Süden in Valdobbiadene aufgelesen hatten.

Und ich hatte endlich wieder mal Zeit, mich meinem neuesten Hobby, dem Stricken zu widmen. Was es mal wird, wird noch nicht verraten.

Skipper One betätigte sich wieder einmal mehr als Smutje und pünktlich zum Sonnenuntergang konnten wir unser Abendessen einnehmen. Dazu gab es diesmal nicht Rotwein, sondern „Schwarzwein“. Offenbar gab es das auch. Und der Wein war wirklich so dunkelrot, das es fast so schien, als sei er Schwarz. Und er schmeckte so reich wie er aussah!

Dann ging es daran, die Gastlandflagge für Montenegro, die wir dem Agenten in Durres abgekauft hatten zu hissen. Belustigt stellten wir fest, dass das Ding ganz offensichtlich von Hand bemalt worden war und ich frotzelte kurz, dass ich ja von nun an die Gastlandflaggen selber stricken konnte. Der Blick, den mir der Skipper daraufhin zuwarf, brachte mich schnell wieder von dieser Idee ab.

Also, Albaniens Flagge runter, Montenegro Flagge hoch. Und so endete unser Albanisches Abenteuer und ein neues stand uns bevor. Wir hatten so viele nette hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Wir hatten für einmal auf jegliche Sportboot Infrastruktur verzichten müssen und doch hatte es uns an nichts gefehlt. Und ich bin heute noch darüber erstaunt, wie krass die Unterschiede gerade in diesem Bereich waren, verglichen mit den direkten Nachbarländern Griechenland und Italien (liegt zwar vis à vis).

Albanien, das letzte Abenteuer Europas…!

Und so konnten wir beruhigt und erwartungsvoll einmal mehr in die Nacht hinein fahren.

3 Kommentare
  1. ihr lieben. wieder viel erlebt, geschwitzt, gehofft, zu taten geschritten und… es kam gut. drei sachen gefielen mir gut: die skizze, die wie ein bild von le corbusier aussieht (aufbewahren!) und der besuch auf dem hafenkran (erinnerungen an den kran an der limmat, den ich stets bewunderte) und dann doris am stricken. gute zeit auf eurem weg ins winterquartier! herzliche grüsse, barbara

  2. lieber max. ich bewundere deine nerven und dein geschick, annasophie auch diesmal wieder aus der misslichen lage rauszubekommen. ans steckenbleiben auf sand zum glück! erinnere ich mich noch an die bretagne. da mussten wir aber nur auf die flut warten. lieber gruss, barbara

  3. Hallo ihr zwei. Der diesjährige Trip scheint ja eher eine Camel-Trophy zu sein, als eine Ferienreise. Mamma Mia. Aber zumindest wird’s euch nicht langweilig…. Wünsche euch deutlich mehr ruhe und Erholung für den restlichen Trip. Gruss. Fredy

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