Der Countdown läuft…

Wir sind immer noch in der Flevo Marina von Lelystad. Mitte Mai waren wir ja von der Schweiz mit Sack und Pack und mit dem Nachtzug angereist, hatten das Schiff getauft, ein Jungfernfahrt-Wochenende verbracht und hatten vorgehabt, Anfangs Juni von Lelystad abzulegen. Skipper hatte diesen Törn (wenn alles gut lief, drei Monate) mit der für ihn typischen Manier akribisch geplant und in seiner Excel Tabelle minutiös aufgelistet, an welchem Tag wir wo sein würden. Auch das Treffen mit der Familie meines Bruders in Stockholm Mitte Juli war eingeplant und die Flüge gebucht. Ha!

Hahaha. Solchen Mist macht man halt als Bootseigner-Anfänger. Wir hatten ja keine Ahnung, was da noch auf uns zukommen würde. Oh Boy!! Die Liste der noch zu erledigenden Dinge wurde mit jedem Tag länger:

  • Der Kleber mit dem Bootsnamen musste noch ausgedruckt und aufgeklebt werden
  • Für das Dinghi musste ein Platz auf dem Boot gefunden werden
  • Der in der Schweiz hergestellte Geräteträger musste am Heck montiert werden
  • Die Rettungsinsel mitsamt Halter mussten an der Reling montiert werden
  • Der Autopilot musste kalibriert werden, sprich, irgendwo vor der Marina ein Kalibrierungskreis gefahren werden.
  • Anschliessend musste noch der Radar auf dem Geräteträger montiert werden
  • Vorräte mussten gebunkert werden

Und so war die Situation bis dato:

  • Ron hatte vergessen, das File mit der Bootsnamensgrafik an die Druckerei weiterzuleiten. Das mit dem Kleber würde noch ein Weilchen dauern
  • Der Geräteträger aus der Schweiz war irgendwo zwischen der Schweiz und Holland stecken geblieben. Die mit dem Transport beauftragte Logistikfirma teilte uns mit, dass es noch etwa eine Woche dauern würde
  • Vor zwei Tagen hatten wir gefühlte hundert Kalibrierungskreise vor der Marina gefahren. Stundenlang. Der Autopilot funktionierte nicht. Ron hatte einen Servicemann von Raymarine bestellt. Dieser hatte erst in einer Woche Zeit

Und während der Skipper mit stoischer Ruhe Termin um Termin in seiner Excel Tabelle verschob, versuchten wir, das Chaos im Innern des Bootes unter Kontrolle zu bringen.

Die Kajüte im vorderen Teil des Bootes war noch gar nicht bewohnbar. Dort stapelten sich Segelsäcke, Kartons mit Ersatzteilen, Schachteln voller Manuals, Sitzkissen für den Aussenbereich, und und und…!

Einzig unser Bett hatten wir uns frei halten können. Und sogar beim Frühstück leistete uns eines der Segel Gesellschaft. Der Gennaker hatte ein derart sonniges Gemüt, dass wir ihn schon bald duzten und ihn jeden Morgen mit den Worten “Guten Morgen Geni, wie geht’s?” begrüssten. Er war nett aber nicht sehr gesprächig.

Dann ging das Ein-, Um- Ausräumen, wieder Ein-, wieder Umräumen los. Bis jedes Ausrüstungsteil seinen Platz hatte, vergingen glatte zwei Wochen. Eigentlich machte es ja Spass, das Boot auf diese Weise “in Besitz zu nehmen”. Aber diese dauernden Entscheidungsfindungen in Sachen Platz waren Nervenaufreibend. Am Ende hatte aber doch jedes Teil sein Plätzchen gefunden und es war sogar die eine oder andere Ecke frei geblieben. Hm…da könnte man doch noch… Nein! Genug ist genug.

Immer mal wieder mussten wir einkaufen in Lelystad und mit der Zeit kannten wir jeden Albert Heijn in der Umgebung. Aber auch Lelystad selber und die Umgebung kannten wir bald in- und auswendig. Lelystad war ein ziemlich bizarrer Ort. Es war der Hauptort der Provinz Flevoland, die fast ausschließlich aus Land bestand, das erst im 20. Jahrhundert dem Ijsselmeer abgewonnen wurde. Dementsprechend gab es keinen Historischen Teil, sondern nur Gebäude die in den 70-90 Jahren erbaut wurden. Aber was soll’s, wir fanden alles was wir brauchten.

Vieles hatten wir zwar schon erledigt, aber es gab immer noch Unmengen zu tun. So fehlte immer noch die Beschriftung des Bootes…! Und da ich als Grafikerin ja an einer schweren “Deformation Professionelle” litt, durfte es natürlich nichts von der Stange/Rolle sein und ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, die Beschriftung selber zu designen.

Und so hatte ich noch zu Hause in aller Ruhe aus gefühlten tausend Schriftzug-Entwürfen…

…und einem Grafikfile mit Echtvorlage eine Auswahl von Drei Entwürfen ausgesucht, die wir in Originalgrösse ausdruckten…

…und AnnaSophie an den Hintern pappten. Aber so konnten wir mit leicht zugekniffenen Augen das beste Sujet herausfinden. Obwohl es die Schriftzüge ab und zu arg mit Regen “weichzeichnete”. Aber am Schluss waren wir uns einig und wir konnten das ausgesuchte Sujet den Verkäufern von C-Yacht als File übermitteln. Diese schickten es weiter an eine Druckerei, die das Sujet in kurzer Zeit ausdruckte und uns zukommen liess.

Und dann war Ron’s geschicktes Händchen gefragt. Halb balancierend, halb turnend, aber dennoch professionell montierte er uns die Logo Kleber auf AnnaSophie’s Hinterteil…

…genauestens beobachtet von Skipper Too, die Millimeter genaue Anweisung zur Positionierung gab. Na wenn das kein Teamwork ist.

Dann war da ja noch die Sache mit dem Geräteträger. Ein Freund von Skipper One der eine Werkstatt besass hatte ihm offeriert, einen Geräteträger zu fabrizieren zum Selbstkostenpreis. Da konnte man ja fast nicht Nein sagen.

Und so machte sich der Skipper ans designen. Die ersten Versuche waren, nun ja, Versuche. Da AnnaSophie einen solch hübschen runden Hintern hatte, kam nur etwas Massgeschneidertes abgerundetes infrage.

Der Entwurf nahm mehr und mehr Gestalt an und ging schon bald in Produktion. Und bei einem Besuch in der Werkstatt der Felcon AG in Schmitten konnten wir uns selber davon überzeugen, dass der Geräteträger stabiler als geplant werden würde. An dem Ding würden wir das Boot aufhängen können…!

Und nun hiess also: Warten!

Zu tun gab es ja immer noch genügend. Aber unsere Ungeduld wurde immer grösser. Und die Daten auf Skippers Excel-Törn Planung wanderten immer weiter nach rechts. Wir wollten endlich los!

Zum Glück gab es rund um die Flevo Marina genügend Natur, in der wir unsere Köpfe immer wieder mal auslüften und Energie für neue Herausforderungen tanken konnten.

Aber manchmal lag auch schlechtes Wetter wie ein schwarzes Tuch über der Flevo Marina und wir mussten unsere Arbeiten ausserhalb des Bootes unterbrechen. Und der Skipper seine Termine noch weiter nach rechts verschieben.

Nach ein paar Tagen kam wenigstens der Techniker von Raymarine vorbei und versuchte, den defekten Autopiloten zum Funktionieren zu bringen. Nachdem auch er einige Runden gedreht hatte, brach er die Übung ab und kam zum Steg zurück, wo er den fehlbaren Autopiloten gleich auswechselte. Yeah! Endlich was erledigt!

Und dann war es soweit! Der Geräteträger war da! Und schon bald ging es an’s montieren…!

Auch Ron, der Verkäufer von C-Yacht war wieder mit dabei. Ich stellte fest, dass er unseren Geräteträger mit der gleichen Leidenschaft montierte wie er C-Yachten verkaufte! Ich konnte zeitweise gar nicht hinsehen bei der Montage, so einen Murks hatten die beiden Monteure! Und rechts im Bild ist schön sichtbar, wie tief unsere zwei Achterlichen Backs Kisten sind…!

Und alle “Experten” die sich nun fragen, wie dieses fast dreihundert Kilo schwere Ding an der fragilen GFK-Bordwand halten konnte, ohne irgendwann riesen Löcher herauszureissen: C-Yacht hatte schon beim Bau von AnnaSophie nach Skippers Plänen adäquate Aluplatten einlaminiert.

Dann galt es noch, den Radar zu Montieren. Da musste sogar Lennart, der zweite Verkäufer von C-Yacht Hand anlegen. Und für Schönwetter sorgen… 😉

Voilà! Und so sah das fertig montierte Produkt dann aus. Ultraschick das. Mit ausklappbarem Bügel. Dort würden wir in Zukunft unser Dinghi aufhängen und mit Hilfe des beweglichen Bügels zu Wasser lassen können.

Die Rundungen der Bügel passten sich harmonisch an die Rundungen des Bootes an. Dieser Aufwand hatte sich wirklich gelohnt. Danke Peter, du und deine Felcon AG habt einen Traum wahr gemacht!!

Phew, wieder eine Arbeit erledigt!

Jetzt blieb nur noch das Auffüllen der Vorräte. Dazu gehörte natürlich auch das Bestücken der Schiffsbar. Aber auch da war es Hilfreich, dass wir mittlerweile jeden Albert Heijn in der Gegend kannten.

Und dann war es soweit, das Verkaufsteam (Lennart ist nur als Blur sichtbar) von C-Yacht kam noch einmal zu Besuch auf dem inzwischen komplett ausgerüsteten Schiff. Wir zeigten ihnen stolz unsere Landesflagge, die wir noch aus der Schweiz mitgebracht hatten.

Die Beiden schauten abwechselnd sich an und dann die Flagge. Dann schaute Ron uns an und schüttelte den Kopf. Dann meinte er nur verächtlich, dass man etwas in der Grösse unserer Länderflagge hier in Holland höchstens als Taschentuch benützte. Wir waren baff.

Am nächsten Tag klopfte Ron bei uns an und überbrachte uns im Namen von C-Yacht einen Flaggenstock mit einer Schweizer Landesflagge, die etwa vier Mal grösser war als unser “Nastüechli”. Wir bedankten uns herzlich für das Geschenk und montierten die Flagge sofort an AnnaSophie’s Heck. Nun war unser Boot wirklich wirklich wirklich bereit für den grossen Trip!

Und Morgen hiess es endlich “Tschüss Holland, wir sind dann mal weg!”

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