Nordsee, die Mordsee

Wir haben es geschafft, wir sind in Schottland! Nachdem wir Norwegen am 2.8. um ca. 19 Uhr aus den Augen verloren hatten, sahen wir am 4.8., etwa um 10 Uhr den ersten Hauch von Schottland. Von da an dauerte es aber noch einmal fast einen Tag, bis wir in Inverness wieder an Land gehen konnten. Wir waren also insgesamt 66 Stunden unterwegs und haben 374 Seemeilen zurückgelegt. Dank starker Winde konnten wir aber mehr als zwei drittel davon unter Segel zurücklegen.

Tja…

Wie hatte ich doch noch so schön geschrieben? Das Meer lebt. Und wie es lebt. Diesmal war es ein fauchendes Monster das uns schon kurz nach Norwegen verschluckte und uns drei Tage später zerkaut und halb verdaut vor der Küste Schottlands wieder ausspuckte. Es war ein Höllenritt der Sonderklasse. Schon zwei Stunden nachdem wir das Land aus den Augen verloren hatten, gerieten wir in den ersten Regensturm, den wir aber noch mit Humor und guten Mutes meisterten.

20140806-02Am nächten Tag aber dann das erste Desaster. Eine besonders hohe Welle liess den Baum umschlagen und ich verlor für einen Augenblick den Halt und knallte mit dem Rücken gegen die Rückenlehne des Cockpits. Und auch dem Autopiloten ging einen Moment lang die Luft aus. Während ich mich aber wieder erholte, gab der Autopilot komplett den Geist auf. Was soviel hiess, dass wir von diesem Moment an das Ruder keinen Augenblick mehr unbemannt lassen konnten.

20140806-03Da wir nun schon seit über 24 Stunden gegen hohe Wellen, Regen und Sturm angekämpft hatten, war das ein harter Schlag. Denn inzwischen hatte sich bereits eine gewisse Müdigkeit eingeschlichen und derjenige der nicht am Ruder stand, versuchte zu schlafen und sich zu erholen. Das hiess aber auch, dass der Rudergänger auf sich allein gestellt war. Toilette? Njet. Trinken? Petflasche aufschrauben und gleichzeitig steuern? Viel Glück. Essen? Mit klammen am Ruder verkrampften Fingern was in den Mund schieben? Hmtja.

20140806-05Inzwischen hatte sich das Meer weiter aufgebaut und AnnaSophie kämpfte und stampfte gegen bis zu 4 Meter hohe Wellen an. Und unsere Magenwände hielten der Belastung auch nicht mehr Stand.

20140806-04Und die zweite Nacht brach an. Dank dem sehr gut funktionierenden Radar konnte wir die Gewitterzellen, die sich am Horizont mit Blitz und Wetterleuchten bemerkbar machten, distanzmässig aber gut einschätzen und einer besonders grossen Gewitterzelle wichen wir sogar aus, indem wir einfach umkehrten.

20140806-06Es gab aber auch schöne Momente. So waren der Sonnenuntergang und die Möven, die unser Boot geisterhaft auch in der Nacht noch umschwebten und der intensive Sternenhimmel, der sich manchmal durch die schwarzen Wolken kämpfte Balsam für unsere geschundenen Seelen. Spannend war es auch, als wir den Null Meridian überfuhren. Ein besonderes Erlebnis waren auch die vielen Bohrplattformen, die wir passierten, bei Tag und bei Nacht. Verlockend und bedrohlich zugleich. Und ausgerechnet da wo das Meer ausgebeutet wird, sahen wir zum ersten mal Schweinswaale. Manchmal von Weitem und manchmal tauchte einer blitzschnell beim Boot auf und verschwand wieder.

Auch in der Nacht kreuzten sie manchmal unseren Pfad. Wenn es plötzlich intensiv nach Fisch roch und man neben dem Boot ein “Phhhhsch” hören konnte, wusste man, da war wieder Einer.

20140806-07Und dann hatten wir es also geschafft! Oder doch noch nicht ganz. Wir segelten der Küste Schottlands entlang.

Nun mussten wir aber gegen den Gezeitenstrom ankämpfen, obwohl wir eigentlich gar keine Kraft mehr hatten zu kämpfen. Und da und nun auch noch die Kupplung des Antriebs im Stich gelassen hatte, mussten wir unter Segel gegen den frontalen Wind aufkreuzen. Und das bei 60-80 Stundenkilometer Wind. Nach mehreren Versuchen konnten wir die Kupplung aber wieder in Gang bringen und wir konnten unter Motor in die dritte Nacht fahren.

Und bei Sonnenaufgang hatten wir es dann endgültig geschafft! Wir hatten die Kessok Brücke durchfahren und der Zielhafen lag gleich um die Ecke.

20140806-0857°29’57.84″N/4°13’47.38″W

Nun ja, wenigstens fast. Denn um die Inverness Marina zu erreichen, mussten wir erst noch eine Schleuse, eine Eisenbahnbrücke und noch einen Schleuse passieren. Und die erste Schleuse öffnete um acht Uhr. Und jetzt war es sechs Uhr…

20140806-09Es blieb uns nichts anderes übrig als uns an den Wartesteg zu parkieren und zu warten. Um nicht durchzudrehen oder vor Müdigkeit ins Wasser zu kippen, fingen wir an, das Boot aufzuräumen und kochten uns schon mal Kaffee.

Aber das Wetter war vielversprechend und die Gegend gefiel uns jetzt schon sehr! Und die Strapazen der vergangenen Tage hatte die Sonne bereits weggelacht. Wir waren happy! Was konnte da jetzt noch schief gehen.

20140806-1057°29’25.77″N/4°15’45.33″W

Nun ja, ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass unsere Kupplung wieder genau dann versagte, als sich das Schleusentor öffnete. Aber dank der Geduld und der Hilfsbereitschaft des Schleusenwärters, der uns Zeit genug liess, gleich eine Adresse eines Yanmar Dealers im Ort heraussuchte und einen Platz in der Marina besorgte, schafften wir es doch noch und liegen nun sicher vertäut am Steg (57°29’5.72″N/4°14’53.52″W). Und nach einem ausgiebigen Frühstück und einer laaaangen Dusche hiess es dann nur noch Eines: Schlafen.

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